WiG-Grundlagen

Wirtschaft in Gemeinschaft – eine Herausforderung für Unternehmen und Unternehmer

von Johannes Grill

„Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass mit zunehmendem Reichtum die Wirtschafts-wissenschaft in den Mittelpunkt öf­fent­lichen Interesses geraten ist und dass Wirt-schaftsleistung, Wirt­schaftswachstum, Expansion der Wirt­schaft und so weiter bei al­len modernen Gesellschaften Gegenstand stän­digen Interes­ses, wenn nicht der Beses-senheit geworden sind. Es gibt im gegen­wärtigen Wortschatz für den Ausdruck der Gering­schätzung nur we­nige Worte, die so endgültig verdammen wie das Wort ‚unwirtschaft­lich’“. E.F. Schumacher (1977)

„’In dem Film... ‚Fight Club’ sagt jemand: „ Wir ge­hen zur Ar­beit, die wir has­sen, um uns Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen.’ Ich fü­ge noch hin­zu: ‚mit Geld, das wir nicht ha­ben.’ Ich halte das für die ge­lun­genste Um­schreibung des Fluchs, mit dem Gott Adam und Eva belegt hat: ‚Ihr müsst pro­duzieren, um zu konsumieren – und konsu-mieren, um zu pro­du­zie­ren. Da euch das, was ich euch im Garten Eden gegeben ha­be, nicht genug war, soll euch nichts mehr genug sein.’“ Tomas Sedlacek (2012)

„’Öko war früher. Von den grünen Bekenntnissen der Menschheit ist wenig ge­blie­ben (Die Zeit vom 21.11.13).’ Das Zauberwort, mit dem jede vernünf­tige Umweltpolitik in Schranken gewiesen wird, lautet ‚Wachstums­hin­der­nisse’.“ Friedrich Schmidt-Bleek (2014)

  1. Sich verschärfende Gegensätze von arm und reich

    Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - die Vereinigten Staaten von Amerika- verliert seine Wirtschaftsmacht. Nach einer Phase des „freien Falls“ (Joseph Stiglitz) während der Finanzkrise kommt der Wirtschaftsriese nur schwer in die Gänge und hat das hohe Niveau von davor noch nicht wieder erreicht (1). Inzwischen sind die negativen Konsequenzen einer einseitigen Politik, die nur einem Prozent der US-Bevölkerung größte Vorteile verschafft hat, unübersehbar. Der Mittelstand erodiert und die Armen sind noch ärmer geworden. Da amerikanische Regierungen seit der Ära Reagan ihr Modell der Liberalisierung und Deregulation der Finanzmärkte auch den Partnern in der 'freien' Welt 'nahe gelegt' haben und diese unreflektiert dem US-Modell vielfach gefolgt sind, breitet sich diese Ungleichheit weltweit aus (2). An nicht wenigen Orten kommt es zu großen Verwerfungen und es treten auch in den Industrienationen wieder Gegensätze auf, die man zwar noch von Entwicklungsländern her kannte, aber in den Industrieländern geschichtlich längst überholt schienen. Was soll getan werden, dass sich die Schere zwischen arm und reich nicht noch weiter öffnet? Wie soll eine Wirtschaft beschaffen sein, die solche Verzerrungen und Spannungen abbaut und den Zusammenhalt in den Gesellschaften wieder sichert?

    Chiara Lubich, die Gründerin und langjährige Leiterin der weltweit agierenden christlichen Gemeinschaft der Fokolar-Bewegung sah sich einem besonders krassen Gegensatz von arm und reich bei einer Reise nach Sao Paulo im Jahr 1991 ausgesetzt. Dieser löste große Betroffenheit in ihr aus. Auf der einen Seite die Zusammenballung der Wolkenkratzer der Begüterten und auf der anderen Seite das schier unübersehbare Elend in den 'Favelas', den notdürftigen Ansiedlungen um Sao Paulo. Lubich, eine Frau nicht nur des Glaubens, sondern auch der Tat, hat sofort Abhilfe gesonnen und proklamiert. "Hier sollten Industriebetriebe entstehen, Unternehmen deren Gewinne aus freiem Willen in die Gemeinschaft eingebracht werden, mit dem für die christliche Gemeinschaft eigentümlichem Ziel: zuerst denen zu helfen, die Not leiden, ihnen einen Arbeitsplatz anzubieten und alles zu tun, damit es keine Bedürftigen mehr gibt." Gewinne sollten dazu dienen, die Betriebe und die Infrastruktur hierfür zu schaffender Siedlungen voranzubringen, damit sie "neue Menschen" heranbilden für eine "neue Gesellschaft". "Eine solche Siedlung hier in Brasilien, mit seiner Wunde des scharfen Kontrasts zwischen Reichen und Armen, könnte zu einem Zeichen des Lichts und der Hoffnung werden."(3) Lubich erkannte, dass es für eine solche Mission eine andere Wirtschaft mit entsprechenden Unternehmern und Unternehmerinnen braucht, die später 'Wirtschaft in Gemeinschaft' oder Englisch 'Economy of Community' genannt wurde. Die von ihr inspirierten Wirtschaftswissenschaftler, Luigino Bruni und Stefano Zamagni, Professoren der Wirtschaftspolitik und Volkswirtschaftslehre in Mailand und Bologna,  knüpfen geschichtlich an den in Italien bis ins Mittelalter zurückreichenden bürgerlichen Humanismus an, der besonders in den Anfängen von Franziskanern, von Ordensmitgliedern des Hl. Franziskus von Assisi, stark christlich geprägt war. Sie versuchen Brücken in die Gegenwart zu schlagen, um ein neues Verständnis der Ökonomie als Antwort für die weltweite Wirtschaftskrise zu generieren. Es ist selbstredend, dass es bei einem solchen Ansatz nicht nur umd die an Business Schools exzessiv zelebrierte "Effizienz", sondern auch um die verloren gehende "Gerechtigkeit" und um das sinkende "Gemeinwohl" geht (4). Das 2004 in Italienisch und 2013 in Deutsch erschienene Werk "Zivilökonomie" arbeitet prägnant die Grundzüge einer anderen Wirtschaft - wie von Lubich gefordert - im volkswirtschaftlichen Kontext heraus.

  2. Wirtschaft in Gemeinschaft als Alternative

    Wirtschaft in Gemeinschaft (abgekürzt: WiG) oder international Economy of Community (abgekürzt: EoC) wird als "neuer Stil wirtschaftlichen Handelns" charakterisiert, das auf einer "Kultur des Gebens" beruht, die insbesondere dadurch zum Ausdruck kommt, das WiG-UnternehmerInnen ihren Reingewinn oder Teile davon freiwillig einsetzen zur Dämmung der Armut und Ausgrenzung, zur Verbreitung der Ziele von WiG und zur Entwicklung des Unternehmens bzw. zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Ausdrücklich versteht sich die WiG als eine Alternative zum kapitalistischen System, indem sie "Gemeinschaft", "Gratuität (Uneigennützigkeit)" und "Gegenseitigkeit" (Geschwisterlichkeit) als zentrale Werte verfolgt. Aus der Praxis der WiG-Unternehmen sind Leitlinien - "Führungslinien" genannt - entstanden. Darin geht es - hier nur angedeutet - um "Gemeinschaft" als "grundlegenden Wert auf allen Ebenen", um den "Aufbau und Ausbau guter und professioneller Beziehungen" zu allen Stakeholdern, um "verantwortliches" und "loyales" Verhalten diesen gegenüber, auch um Gelegenheit der "beruflichen, aber auch spirituellen und ethischen Entwicklung", um "Lebensqualität", "Wohlbefinden und Beziehungen", um "Harmonie am Arbeitsplatz" und Ästhetik, um "Fortbildung" im und außerhalb des WiG-Unternehmens, alles auf Basis eines "offenen und ehrlichen Kommunikationsklimas."(5)

    Auf erstem Blick könnte man die WiG wie es bei Zamagni anklingt als ein neues Wirtschaftsmodell sehen, das profit-orientierte Unternehmen (kapitalistisches Modell) und am Prinzip der Selbstlosigkeit ausgerichtete Unternehmen ohne Gewinnabsicht (Non-Profit-Modell) als drittes Modell ergänzt. (6) Die Gründerin selbst - so Zamagni - hat das nicht so gesehen. Für Chiara Lubich sollte die WiG mitten in der Gesellschaft stattfinden und wie ein Sauerteig wirken, der die Gesellschaft, aber auch die kapitalistischen Unternehmen verändert. Zamagni (2011): "Chiara hatte kein Interesse daran, einige gute Menschen noch besser zu machen, sondern sie wollte die ganze Gesellschaft verbessern." 

    Gleichwohl sich seit 1991 weltweit immerhin 861 Unternehmen (Stand: 2012 - WiG-Bericht) unterschiedlicher Größe, mehr Klein- als Mittelbetriebe, angeschlossen haben, erweist sich die Umsetzung - gelinde formuliert - als schwierig. Angesichts des hohen Anspruchs stellt die Realisierung eine Herausforderung dar. Zamagni benennt die Schwierigkeiten und dass es zu ihrer Überwindung einer "Fähigkeit der 'Zähigkeit'" bedarf, die gestärkt werden muss. Hierzu sieht er, zusammengefasst, drei Ansatzpunkte:

    Erstens: Das "Produzieren von Gedankengut", weshalb nach der WiG auch die Universität Sofia in Loppiano bei Florenz entstanden ist. Es geht um zwei Arten des Denkens: "das kalkulierende Denken und denkende Denken ('the thinking thought')". Das kalkulierende Denken hilft des Alltag zu meistern, vermag aber nicht, die Richtung anzugeben, der gefolgt werden sollte. Richtungsweisend könnte nur das denkende Denken sein. Im Vorgriff auf vertiefende Ausführungen ist m.E. hier ein Bezug zur strategischen und normativen Unternehmensführung der Managementlehre unerlässlich.

    Zweitens: Es müssen Wege gefunden werden, die "Qualität des Guten zu messen", die von WiG-Unternehmen erzeugt wird. Das ist besonders für die nachfolgende Generation von Bedeutung, die dann nicht mehr weiß, was die Gründer noch wussten. Es müssen hierzu andere Maße und Instrumente entwickelt werden. M.E. ist diese Themenstellung für alle eigentümergeführten Unternehmen von Relevanz, zur Übergabe an die nächste Generation auch das Wertsystem zu explizieren, auf dem basierend strategische Entscheidungen getroffen werden (siehe hierzu ausführlich Grill, 2008).

    Drittens: Es braucht Berufungen zum Unternehmertum. Hierzu muss herausgearbeitet werden, dass Unternehmer anders sind, um Risiken eingehen zu können und Innovationen hervor bringen zu können. Es bedarf dringend einer Weitung der Sicht auf Unternehmer. Die Ansicht, dass "Unternehmer nur derjenige ist, der den höchsten Profit erzielt" muss aus den Köpfen getilgt werden. Die WiG müsse hierzu Raum geben, dass sie zur "wahren" Schule von Unternehmern wird.(6) Aus der Sicht des Autors: Die Management- und Betriebswirtschaftslehre orientiert sich zu stark an börsennotierten Aktiengesellschaften, deren Top Management ein Unternehmerbild vermittelt, das mit dem des wirklichen mittelständischen Unternehmers nur wenig gemein hat. Diese entsprechen dem von Zamagni geforderten viel mehr, es wird nur an Universitäten und Business Schools nicht verstanden und nicht gelehrt (auch hierzu ausführlich Grill, 2008).

    Auf der Webseite "WiG-Grundlagen" sollen Fragestellungen wie von Zamagni mit Bezug zur wirtschaftswissenschaftlichen Literatur vertieft werden. Wesentlich ist, dass diese ansatzweise in Vorträgen zu einem besseren Verständnis durchdrungen und in Diskussionen reflektiert werden (siehe WiG-Vorträge).
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    (1) Der Nobelpreisträger der Ökonomie Stiglitz (2010) betitelte seine Situationsbeschreibung mit „Im freien Fall“; die in Europa empfundene Euphorie über ständig wachsende Börsenkurse in den USA hat schon früh Malik (2002), 323 ff. als „Scheinwunder“ entlarvt  


    (2) Es kommt zu einer Umverteilung von unten nach oben, vgl. Stiglitz (2014)

    (3) WiG-Geschichte
    (4) Bruni/Zamagni (2013)
    (5) WiG-Führungslinien 
    (6) Zamagni (2011)


    Wesentliche Literatur:
    Bruni, Luigi; Zamagni, Stefano (2013): Zivilökonomie. Effizienz, Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Paderborn etc.: Ferdinand Schönigh
    Grill, Johannes (2008): Die strategische Bedeutung des Human Capital und seine Bewertung. Ein Bezugsrahmen zur Evaluation ambitionierter mittlerer Unternehmen, Frankfurt /M.: Peter Lang
    Stiglitz, Joseph (2011): Im freien Fall. Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft, München: Pantheon

     

 

 

 

 

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